FOR THE PHOENIX TO FIND ITS FORM IN US.
Zu Restitution, Rehabilitierung & Entschädigung 

Ein Projekt von SAVVY Contemporary in Zusammenarbeit mit Jameel Arts Centre, Dubai, und ifa-Galerie Berlin.

Tuesday: The Phoenix

It is enough that you pass by words
For the phoenix to find its form in us, 

And for the spirit born of its spirit to give birth to a body…
Spirit cannot do without a body
To fire with itself and for itself, cannot do without a body

To purge the soul of what it has hidden from eternity

So let’s take fire, for nothing, but that we become one!

Mahmoud Darwish aus “The Seven Days of Love” 


Wie kann es uns gelingen, den aktuellen Diskurs über Restitution, der sich in eine Sackgasse manövriert zu haben scheint, zu verkomplizieren? Die derzeitigen Debatten konzentrieren sich auf den Begriff der Rückgabe und schränken damit das deutlich weitläufigere und vielschichtigere Thema der Restitution ein. Der Begriff der Rückkehr, wie er umgangssprachlich verwendet wird, bedeutet, zu einem Ort mit einem bestimmten geographischen Bezug zurückzugehen. Aber um zurückzukehren, muss man eine Vorstellung von Raum und Zeit des Fortgangs haben. Das heißt, wir können nicht an Restitution denken, ohne an die Wunden zu denken, die durch Enteignung zu den jeweiligen Zeitpunkten zugefügt wurden, ebenso wie an die Gewalt, die mit epistemischer, materieller oder menschlicher Entbehrung und Zerstörung einhergeht, wie wir sie im anglophonen Kamerun, in Palästina, in Myanmar oder in Kolumbien erleben. Wir können Restitution nicht auf die Rückgabe von Objekten reduzieren, während die Menschen, die diese Objekte erhalten sollen, weder den Luxus haben, zu atmen, noch das Land besitzen, auf dem sie ihre Samen anpflanzen können, oder der Unterkunft, in der sie Schutz suchen, beraubt sind. Wie können wir also über Restitution in einem Kontext nachdenken, in dem sich Zeit und Raum nicht nur verändert haben, sondern noch prekärer geworden sind und die Grausamkeit der Kolonialität andere Formen angenommen hat?

Mit dem Projekt FOR THE PHOENIX TO FIND ITS FORM IN US. Zu Restitution, Rehabilitierung und Entschädigung widmet sich SAVVY Contemporary in einer Reihe von Laboratorien, Invocations, Publikationen und Ausstellungen den Verstrickungen der drei Schlüsselthemen Restitution, Rehabilitation und Entschädigung als Möglichkeit, über bloße Rückgabe hinauszugehen. Gemeinsam mit Künstler*innen, Schriftsteller*innen und anderen Intellektuellen und Aktivist*innen wollen wir über Vorstellungen von Wiederherstellung nachdenken – nicht nur der Subjekte/Objekte, die Gemeinschaften und Orten weggenommen wurden, sondern auch der Gemeinschaften und Orte, die in einem Zustand kultureller und psychologischer Entbehrung existieren mussten. DIe Konsequenz daraus ist, jede Form der Wiederherstellung als eine Möglichkeit der Reintegrierung und Rehabilitation zu denken. Dabei ist zu bedenken, dass Wesen, die einst heraus- und weggenommen wurden, wieder in Systemen unterzubringen sind, die sowohl zeitliche als auch räumliche Veränderungen erfahren haben.

Dabei ist es von Bedeutung, auch den Zusammenhang zwischen der gewaltsamen Beschlagnahmung von Subjekten/Objekten, ihrer Lagerung in ethnographischen Museen in Europa und Nordamerika und der Zerstörung von technologischen Traditionen und damit des technischen und kulturellen Erbes vieler Orte im Nicht-Westen bedenken. Die Erkenntnis, dass spirituelle Entitäten zerstört werden, wenn sie in ethnografischen Museen eingesperrt sind, führt zur Einsicht, dass hier auch Technologiegeschichte zerstört wurde und wiederhergestellt werden muss.

Mit diesem Projekt beabsichtigen wir, die Restitutionsdebatte im deutschen und internationalen Kontext von einer anderen Position aus zu beleuchten und für eine stärkere Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven und Stimmen einzutreten. Indem wir die Rolle der europäischen Institutionen und ethnologischen Museen kritisch hinterfragen und betrachten – und dabei genau die politischen, ökonomischen und institutionellen Kontexte untersuchen, in denen sich diese Organisationen befinden–, wollen wir die Machtstrukturen, die Asymmetrien und die kolonialen Kontinuitäten innerhalb des Diskurses genauer betrachten. Wir setzen uns mit den Möglichkeiten auseinander, den gegenwärtigen Diskurs mit verorteten Überlegungen zu Fragen der Rehabilitierung und Wiedergutmachung zu verkomplizieren, in dem wir die Perspektiven von Künstler*innen, Aktivist*innen und engagierten Gemeinschaften mit denen von Wissenschaftler*innen, Forscher*innen und Institutionen zu verschränken: um eine Plattform für eine dezentrale Diskussion zu bieten, die in der Lage ist, Stimmen und Positionen über Geografien und disziplinäre Perspektiven hinweg einzubeziehen. 
 

Listen to Things
More often than Beings,
Hear the voice of fire,
Hear the voice of water.
Listen in the wind,
To the bush that is sobbing:
This is the ancestors, breathing.

Birago Diop, “Spirits”