Opaque to herself:
Postkolonialismus im Mittleren und Östlichen Europa

 

 

Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Rußland, und hier... liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte; das ist meine Karte von Afrika.

 

Otto von Bismarck, in: Eugen Wolf. Vom Fürsten Bismarck und seinem Haus. Tagebuchblätter. Berlin, 1904

 

Von einigen Denkern wird eine etymologische Verbindung zwischen den Wörtern ”Slawe” und “Sklave” angenommen. So haben Wissenschaftler wie Fernard Braudel und Immanuel Wallerstein gezeigt, dass der Nordeuropäische Teil östlich der Elbe, welcher weitgehend von Slawen bevölkert war, die erste periphere Zone der kapitalistischen Weltwirtschaft der frühen Moderne war. Der gesamte Block der Länder, mit der Polnisch-Litauischen Union als bekanntestes Beispiel der Region, wurde in einen Zustand von Abhängigkeit und Unterentwicklung gezwungen, welches die ländliche Bevölkerung in die Leibeigenschaft zwang. Mittel- und Osteuropa kann somit historisch als die erste Peripherie betrachtet werden. Parallel dazu spielte das erste Königreich Polens und sein Hochadel eine Schlüsselrolle in der Ausbreitung der Versklavung von Landarbeitern bis in das tiefste Süd-Osteuropa in ihrem Versuch, ihr eigenes koloniales Reich durch die Annektierung von großen Teilen der Ukraine im 16. Jahrhundert aufzubauen. Diese kolonialen Bestrebungen erreichten ihren Höhepunkt im 19. und 20. Jahrhundert mit dem Aufbau des kolonialen Marinebunds. Diese Vergangenheit beeinflusst noch heute eine postkoloniale Einstellung in Polen, die eine kritische Reflektion und Auseinandersetzung mit der Geschichte des Landes verhindert und die Verwirrung über den jetzigen Zustand verlängert.

Dieses komplexe Bild vollzog in den letzten Jahren eine interessante Wandlung: nationalistischen, rechten Gruppen im Mittleren und Östlichen Europa machten sich die kritischen Werkzeuge der postkolonialen Theorie zu eigen gemacht, um „traditionelle Identitäten“ sowie „kulturelles Erbe“ zu bestätigen, die vermeintlich von einer fremden, liberalen Ideologie kolonialisiert und dominiert werden. Dies führte zu einer Form von eigentümlicher „pervertierter Dekolonisierung“ um Ekaterina Degots Ausdruck zu benutzen, in dem obskurante Einstellungen und religiöser Fundamentalismus als Versuche präsentiert werden, den eigenen einzigartigen und als gefährdet angesehenen Lebensstil zu bewahren. Interessant ist insbesondere, dass diese verdrehte, anti-kritische Nutzung von kritischen Konzepten eine Plattform für den weitverbreiteten Aufschwung der Populisten geboten hat. Im Gegensatz zu den Prognosen der Theoretiker der Moderne des 20. Jahrhunderts von Daniel Lerner bis Francis Fukuyama, scheinen die Peripherien die treibenden populistischen Kräfte zu sein, und dabei dem Zentrum die miserable Zukunft aufzuzeigen. Dies ist eine weitere Perversion, die wir vielleicht “Demodernisierung” nennen können, da sie dem Verhältnis von Zentrum und (Semi-)Peripherien oppositionell gegenübersteht. Die Zukunft des Vereinten Königreiches, Frankreichs und anderen entwickelten Nationen finden sich in Polen, Ungarn oder Russland finden, und nicht anders herum.